Aufnahme von Otto Skall (1937)

Oswald Haerdtl (* 17. Mai 1899 in Wien; † 9. August 1959 ebenda) war als Architekt, Designer und Architekturlehrer in Österreich und Polen tätig.

Leben

Oswald Reiterer, 1909 (von 1919 an Haerdtl)

Oswald Haerdtl war das zweite Kind von Leopoldine Reiterer, geborene Reichert (1873–1954), und dem Lehrer Karl Haerdtl (1857–1934). Bis zur Adoption durch seinen leiblichen Vater 1919 führte er den Nachnamen seiner Mutter und musste bis dahin zu seinem Vater „Onkel“ sagen. Oswald Haerdtl wuchs im Kahlenbergerdorf am Rand von Wien (19. Bezirk) in unmittelbarer Nähe zur Donau auf.

Ausbildung

Nach der Volksschule besuchte er das Landesreal- und Obergymnasium im benachbarten Klosterneuburg und wechselte dann wegen schlechter Noten für zwei Jahre an das Erzherzog-Rainer-Realgymnasium in Wien-Leopoldstadt (2. Bezirk), wo sich auch kein wesentlich besserer Schulerfolg einstellte. Ab seinem 14. Geburtstag absolvierte er parallel zur Schulbildung eine Tischlerlehre im Betrieb seines Onkels Heinrich Scheranek.

Im Wintersemester 1916 trat er in die Malklasse von Kolo Moser an der Kunstgewerbeschule ein. Im März 1917 unterbrach er sein Studium und rückte als Einjährig-Freiwilliger zum Schützenregiment 1 in Wien ein. Er durchlief die Ausbildung in Bruck an der Leitha und wurde danach als Gefreiter in die Bukowina, das am weitesten von Wien entfernte Kronland, versetzt. Er meldete sich zu einer freiwilligen Fliegerausbildung, allerdings begann diese aufgrund der Auflösungserscheinungen Österreich-Ungarns nicht mehr.

Nach dem Kriegsende im November 1918 nahm er sein Studium an der Kunstgewerbeschule wieder auf. Ab Mai 1919 besuchte er Vorträge von Oskar Strnad, und im Wintersemester 1919/1920 wurde er in die Architekturklasse von Strnad an der Kunstgewerbeschule aufgenommen. Neben Strnad sind auch die Vorlesungen von Josef Frank für Haerdtl prägend. 1921 schließt er sein Studium mit der Diplomarbeit „Haus auf Pylonen“ ab und erhält für seine Gesamtleistung im Studium den Eitelberger-Preis und als erster den neu geschaffenen Staatspreis.

Frühe Phase

Doppelhaus in der Werkbundsiedlung, 13., Veitingergasse 115 und 117, gebaut 1931/1932
Der Raum „Industrie und Technik“ im Österreich-Pavillon auf der Weltfachausstellung Paris 1937.
(Mit der riesigen Fotomontage der österreichischen Gebirgsstraßen.)

Nach dem Studium machte er noch einige künstlerische Arbeiten. 1922 wurde er an der Kunstgewerbeschule Hilfslehrer in der Meisterklasse von Josef Hoffmann. Hoffmanns Studentin Carmela Prati (bis 1919: de Vittorelli; 28. Oktober 1901 Bozen – 2. Mai 1989 Wien)[1] heiratete er 1927.

In der Folge beschäftigten ihn verschiedene Ausstellungsgestaltungen, die als eigenständigste und beste Werke der frühen Periode von Oswald Haerdtl gelten. Er fand eine für Wien ungewohnt moderne Architektursprache, die auf dem einfachen Element der Fläche beruhte und von De Stijl beeinflusst war.

1924 wurde er Mitarbeiter in Josef Hoffmanns Privatatelier, das sich Tür an Tür zur Meisterklasse an der Kunstgewerbeschule befand. Das erste Projekt, für das er hier eingesetzt wird, ist der Pavillon für die „Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes“ in Paris. Die Bauleitung oblag Max Fellerer, der auch die Büroleitung von Hoffmanns Atelier innehatte. Oswald Haerdtl assistierte ihm für einige Wochen in Paris.

Diese Zeit nutzte er auch zur Beschäftigung mit den aktuellen Entwicklungen der Architektur und der Kunst in Paris. Er besuchte unter anderem einige Bauten und das Atelier von Le Corbusier und lernte auch Jean Lurçat, André Lurçat und Fernand Léger kennen.

Bis 1933 konnte Oswald Haerdtl in der Werkbundsiedlung Wien auf Einladung von Josef Frank ein Doppelhaus als sein erstes eigenständiges Werk realisieren und auch einrichten. 1935 wurde ihm in der Nachfolge seines früh verstorbenen Lehrers Oskar Strnad die Professur der Fachklasse für Architektur übertragen.

Für die Weltausstellung Brüssel 1935 und die Weltfachausstellung Paris 1937[2] errichtete er nach jeweils gewonnenen Wettbewerben die Pavillons für Österreich. Bei diesen beiden Werken erreichte er eine außerordentlich hohe Architekturqualität, und die beiden Pavillons werden auch als seine Hauptwerke betrachtet.

Nationalsozialistische Zeit

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich am 13. März 1938 wurde er demonstrativ am Betreten der Hochschule gehindert. Es wurde ihm vorgeworfen, bei seinen Projekten zu viele jüdische Firmen zu beschäftigen und an der Hochschule berufsbedingt zu wenig anwesend zu sein.

Ernsthafte Konsequenzen erwuchsen für ihn aus diesen Vorwürfen nicht. Er betrieb allerdings subtilen Widerstand und ließ an der Rückwand seiner Klasse die Inschrift „Recht muß Recht bleiben“ anbringen. Ab 1938 führte er parallel zu seiner Fachklasse für Architektur auch die Fachklasse für gewerbliche und industrielle Gestaltung.

1939 gestaltete er gemeinsam mit Josef Hoffmann den letzten Wiener Opernball vor dem Krieg, wobei es kurz danach aufgrund von politischen Einstellungen zu einem angeblich heftigen Bruch mit seinem Mentor kam.

Für einen Professor der nunmehrigen Reichshochschule für angewandte Kunst überraschend, bekam er einen Einberufungsbefehl und musste 1940 zur Wehrmacht einrücken. Nach Interventionen von mehreren Seiten wurde er für „unabkömmlich“ erklärt.

Die Auftragslage seines Ateliers war nach dem Regimewechsel längere Zeit schlecht. Haerdtl beschäftigte sich intensiver mit Produktentwürfen für Deutsche Werkstätten Hellerau, Berndorfer Metallwarenfabrik, Welz, aber auch für die Stadtverwaltung Mannheim und die Stadt Wien.

Im besetzten Polen sah er Auftragspotential und eröffnete in Krakau ein Filialbüro, das kriegsbedingt später nach Breslau umzog. Das wichtigste Werk aus dieser Zeit ist der Neubau des Parkhotels in Krakau, das auch gleichzeitig sein überhaupt größter Bau ist. Gegen Ende des Krieges wurde das Büro mit der Tarnung von Industrieanlagen beauftragt.

1944 wurde Oswald Haerdtl in den Räumen des Kunsthandwerksvereins in Wien eine Personalausstellung gewidmet.

Nachkriegszeit

Innenausstattung, Café Prückel, gestaltet 1954

Haerdtl engagierte sich sofort wieder beim Werkbund und organisierte in dem noch kriegsbeschädigten Geschäftslokal eine erste Ausstellung. Mit Gespür für gesellschaftliche Veränderung forderte er die intensivere Beschäftigung des Werkbundes mit Industrieprodukten, sowohl vom sozialen, politischen als auch vom gestalterischen Blickpunkt aus.

Er begründete die österreichische CIAM-Gruppe neu, die durch die Emigration von Josef Frank und Walter Loos vor dem Krieg ihre Vertreter verloren hatte. Er richtete diese konsequent international aus, bemühte sich intensiv um Kontakt mit den vertriebenen Kollegen. Ein wichtiges Projekt in diesem Kontext war die städtebauliche Studie für den Wiener Stephansplatz in Zusammenarbeit mit Karl Schwanzer und Wilhelm Schütte aus dem Jahr 1948.

1947 legte Oswald Haerdtl beim geladenen Wettbewerb für das kriegsbeschädigte Wiener Burgtheater ein Projekt vor, welches das äußere Erscheinungsbild erhielt, den Theatersaal allerdings als modernes Rangtheater mit guten Sicht- und Hörbedingungen für alle Plätze gestaltete. Das Projekt wurde ex aequo mit den Projekten von Michael Engelhardt und Otto Niedermoser prämiert. Realisiert wurde allerdings das konservative Projekt von Michael Engelhardt, das den Wiederaufbau des Logentheaters vorsah.

Eines der zentralen Projekte Haerdtls war der Wiederaufbau und die Ausstattung der kriegsbeschädigten Repräsentationsräume des Bundeskanzleramtes 1948 in Wien. Die akribisch genaue Ausarbeitung aller Details und die inhärent bewussten Anspielungen und Zitate aus der klassischen Baukunst verschmolzen zu einem österreichischen, kulturell hochstehenden Stil, der auch heute noch seine Gültigkeit behält.

In den 1950er Jahren wurde die Wiener Kaffeehausszene um den aus Italien importierten „Espressostil“ bereichert. Die stärkste räumliche Umsetzung fand dieser durch Oswald Haerdtls Gestaltung der Filialen der Firma „Arabia“. Die Gestaltung verband die italienische Eleganz mit Leichtigkeit und Dynamik. Oswald Haerdtl gestaltete bei diesem Projekt auch Speisekarten, Einladungen, Vasen, Kaffee- und Teetassen. Die Kleider der Servierkräfte fügten sich in den architektonischen Rahmen und wurden von seiner Ehefrau Carmela Haerdtl entworfen.

Keines der vielen Lokale ist mehr erhalten. Das letzte wurde erst 1999 zerstört, wobei anzumerken ist, dass nur mehr wenig vom Original erhalten war.

Wien Museum am Karlsplatz, Haerdtls letztes Werk, eröffnet 1959

Oswald Haerdtl war bedacht darauf, Kontakte zu seinen potentiellen Bauherren zu pflegen, und aus solch einer Beziehung ergab sich 1953 der Auftrag für den Pavillon des Drahtseilerzeugers Felten & Guilleaume auf dem Messegelände in Wien. Das Gebäude hatte ein einfaches Raumprogramm, bestehend aus einem Besprechungsbereich und einem großzügigen Ausstellungsbereich. Die kompromisslose Glasfassade, die klaren Volumen und der meisterhafte Umgang mit den grafischen Elementen haben dieses kleine Gebäude als Schlüsselwerk der österreichischen Nachkriegsarchitektur positioniert. Der Pavillon ist wie der gesamte Altbestand um die Jahrtausendwende der Neustrukturierung des Messegeländes zum Opfer gefallen.

1953 wurde Oswald Heardtl zur Teilnahme am österreichweit offenen Wettbewerb für das Museum der Stadt Wien eingeladen und reichte zwei Projekte ein. Eines wurde mit einem Ankauf ausgezeichnet; aufgrund von politischen Konstellationen konnte der Auftrag von Oswald Haerdtl akquiriert werden. In einem langwierigen Prozess wurde das Gebäude mit der Museumskommission der Gemeinde Wien entwickelt und als erster Museumsneubau der Zweiten Republik am 23. April 1959 eröffnet.

Am 9. August 1959 starb Oswald Haerdtl überraschend in Wien an einem Herzinfarkt.[3] Er wurde auf dem Neustifter Friedhof in Wien (Gruppe B, Reihe 5, Grab Nr. 9) bestattet; das Grab besteht auf Friedhofsdauer. Den Grabstein[4] schuf Fritz Wotruba.
Seine am 2. Mai 1989 verstorbene Gattin Carmela ist ebenfalls in diesem Grab beerdigt.[5]

Werke

Wohn- und Geschäftsbauten

Öffentliche Bauten

Industrie- und Gewerbebauten

Innenraumgestaltung

Design

Gestaltung von Sitzmöbeln, Tischen, Kästchen etc., von Besteck, Gläsern (unter anderem für die Firma Lobmeyr), Service in Porzellan und Silber, Beleuchtungskörpern etc.

Nicht realisierte Projekte

Ausstellungen

Mitgliedschaften

Schüler (Auswahl)

Auszeichnungen

Literatur

Einzelnachweise

  1. Lillian Langseth-Christensen: A Design for Living.
  2. Prof. Oswald Haerdtl: „Unser Pariser Pavillon...“ Die Geschichte von 79 Arbeitstagen.. In: Die Bühne, Jahrgang 1937, Heft 452/1937, S. 2, Mitte rechts. (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/bue
  3. Meldung in der Tageszeitung Arbeiter-Zeitung, Wien, Nr. 185, 12. August 1959, S. 6
  4. Ausstellungskatalog: Kubismus - Konstruktivismus - Formkunst. Belvedere, Wien 2016, S. 91.
  5. Auf der Seite Friedhöfe Wien/Online Services/Verstorbenensuche (Memento des Originals vom 13. April 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.friedhoefewien.at ist sie als „Maria Cornelia Haerdtl“ verzeichnet.
  6. Abb. und Grundriss in: Neue Architektur in Österreich 1945–1970. R. Bohmann-Verlag, Wien 1969, S. 74f.
  7. Eintrag auf der Website der Gastronomiezeitschrift Falstaff, Wien
  8. Eintrag der Schule auf ihrer Website
  9. Website
  10. Von Felix Czeike im Historischen Lexikon Wien, Band 3, S. 19, ohne weitere Hinweise angeführt.